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Große Literatur gegen die Ostalgie
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DIE HANDLUNG Es schneit in Dresden, als der Internatsschüler Christian Hoffmann zum Geburtstag seines Vaters anreist. Die Hoffmanns, eine weit verzweigte Familie, wohnen ebenso wie die Rohdes und andere in einem ehemals gut bürgerlichen Viertel oberhalb Dresdens. In diesem noch immer recht schmucken Turmviertel" tragen die Häuser romantisierende Namen wie etwa Haus Karavelle", in dem der Oberarzt Christian Hoffmann lebt, oder das Tausendaugenhaus", in dem der Lektor Meno Rohde Tür an Tür mit einem Kampfgruppenkommandeur und einer Pionierleiterin wohnt. Von all diesen Häusern hat man einen guten Blick auf die Stadt, die Berge und die Sicherheitsanlagen Jener", die das Land beherrschen. Jene", das sind die Gefolgsleute Ostroms", d.h. die Parteisekretäre, die Bücher und Filme zensieren, die Schuldirektoren, die ihre Schüler sofort nach dem Abitur dazu zwingen, sich drei Jahre zur Nationalen Volksarmee zu melden, die Chefärzte, denen politisches Wohlverhalten wichtiger ist als chirurgische Kompetenz und der allgegenwärtige Staatssicherheitsdienst, der jedermann notfalls mit Erpressung zur Mitarbeit bei der Bespitzelung des eigenen Volkes zu gewinnen sucht. Das ist das Bühnenbild, auf dem Christian und sein Onkel Meno Rohde, Richard Hoffmann und seine Geliebte, Barsano und Arbogast, der Alte vom Berge" und viel andere am dance macabre" der DDR teilnehmen. Die Hintergrundmelodie dieses dance macabres" ist von Anfang an präsent: überall bröckelt der Putz von den Wänden, die Schadstoffe werden einfach in die Flüsse geleitet, die einfachsten Medikamente fehlen, und die Güter des täglichen Bedarfes sind, soweit vorhanden, von einer erschütternden Schrottigkeit - nur die Wut, das Unbehagen, die Empörung der Menschen befindet sich im Wandel, steigert sich von Jahr zur Jahr, bis sie eines Tages in jenen massenhaften Mut konvertiert, der zur friedlichen Revolution von 1989 führt.
AUF DEN TURM (THOMAS REUTER) Die Bildlichkeit des Titels lädt bereits zum Spekulieren ein: Stellt der Turm als uneinnehmbare Festung die Burg der DDR dar, die sich gegen die Umwelt abschottet und verbarrikadiert? Oder ist der Turm vielleicht der Aussichtspunkt, von dem aus der Erzähler die Welt vor sich ausgegossen sieht? Man mag an den Türmer aus Goethes Faust II denken, der von oben die sich ereignende Katastrophe zu seinen Füßen beschreibt. Versinnbildlicht der Titel vielleicht die Lektüre als kräftezehrende Ersteigung? Oder aber stellt das backsteingroße Buch selber einen Stein aus dem benannten Turm dar? Vielleicht bezieht es sich aber doch bloß auf die Turmstraße in Dresden, wo einige der Familien, um deren Leben sich die Erzählung rankt, leben. Es ist eine Erzählung ohne Ziel und ohne Richtung. Man schwimmt in diesem Roman wie in einem Meer aus Worten, Sätzen und Seiten, ohne Land am Horizont zu sehen. Manchmal scheint dieser Roman selber wie ein Organismus, der im Rhythmus des eigenen Atmens anschwillt und abschwillt. Einmal schläft er, dann wiederum läuft er im Sauseschritt. In diesem Organismus gibt es ausufernde Extremitäten, Wurmfortsätze, die überflüssig scheinen, aber auch effiziente Organe, die den Betrieb am Leben halten. Man kann Tellkamps Buch nicht uneingeschränkt lieben. Dazu verlangt es einem zuviel ab. Vieles scheint auch nicht vollkommen gelungen. Die Dialoge sind häufig arg hölzern und wirken nicht echt. Ganze Kapitel scheinen mitunter überflüssig. Manches aber ist grandios. Die Wortmächtigkeit und Beschreibungsgewalt, mit der Tellkamp seinen Stoff bannt. So etwas hat man lange nicht mehr in deutscher Sprache gelesen. Auch die Experimentierfreudigkeit. Ein Heer von literarischen Zitaten und Anspielungen sind in den Text einmontiert. Literarische Verfahren der großen Autoren der Klassischen Moderne wie Musil, Mann, Joyce und Proust werden umstandslos kopiert oder zitiert. Und am stärksten ist Tellkamp, wenn er seine Position oben auf dem Turm bezieht und das Treiben in der Welt betrachtet. Hier ist der Erzähler ganz bei sich und entwickelt einen faszinierenden Beschreibungsstil. Die große Adlerperspektive ist Tellkamps Form. Wie mit einer Kamera fliegt er über Dresden, in die Häuser und Stuben, in die Gedanken seiner Bewohner und verlässt sie wieder. Wie unaufhörliche Kaskaden strömen dann die Sätze auf den Leser ein in einem Wortschwall, dem man mitunter nur mit Mühe folgen kann. Viele Leitmotive wie die Wettermetaphorik und die Augenmetaphorik ziehen sich mit anderen Symbolen und Metaphern durch den ganzen Text und treten immer wieder auf. Am deutlichsten wohl die Zeitmetaphorik, die Uhren, die erst eingefroren sind und später "auf einmal" zum 9. November 1989 schlagen. Damit endet das Buch. Beim Lesen nicht immer eine Freude, aber es ist auch ein Buch, dass durch die schiere Masse überzeugt, dass den Speck braucht, um seiner Gewichtsklasse zu entsprechen.
DER ROMAN ÜBER DIE DDR (LUDWIG WITZANI) Schon Max Weber hatte den Sozialismus als die Herrschaft der Mediokren" bezeichnet, die Lektüre des Kapitels über den Behördentag" ( S. 204-212) aber verdeutlicht am Beispiel der Beamtenwillkür, was dies wirklich an Erniedrigung bedeutet. Erschütternd das Tribunal über die Schülerin Verena, die es wagte, in einer Geschichtsklausur aus Protest ein leeres Blatt abzugeben. Fast schon abgedreht sind die Auseinandersetzungen der Lektoren mit den Parteizensoren, entlarvend die unzähligen Beispiele der Korruption - vom Generalsekretär bis zum Handwerker, der seine Arbeit nur gegen Westgeld akkurat verrichtet, wissen alle ihr Schäfchen unter dem Deckmantel einer verlorenen Welterlösungsmoral ins Trockene zu bringen. Was es über die Ausbildung der DDR Jugend bei der Nationalen Volksarmee (S.534ff.), über die Zustände in DDR-Krankenhäusern in Zeiten des permanenten Stromausfalls ( S.702ff.), über den Zusammenbruch der Energieversorgung in den eiskalten Wintern der späten Achtziger Jahre und die Verbitterung der Menschen, die all das und noch viel mehr ertragen müssen, zu lesen gibt, ist akribisch, literarisch und erschütternd zugleich. Ich habe diesen Roman mit großem Gewinn und steigender Anteilnahme gelesen, will aber auch nicht verschweigen, dass es mitunter ganz schön Mühe kostete, durchweg bei der Stange zu bleiben. Denn Tellkamp startet sein Oeuvre ohne jedes kammermusikalische Vorspiel. Da ist sofort und 973 Seiten lang das ganze Orchester mit allen literaturformalen Raffinessen am Werk, da wechseln die Erzählebenen, es variiert der Sprachduktus und mitunter mag man gar nicht glauben, dass die hyperbolisch verschachtelten Satzkonstruktionen noch zu einem glücklichen Ende finden. Danke Uwe, aber lass Dir für den nächsten Riesenroman bitte noch etwas Zeit!
Eine Rezension von Rheinischer Lesekreis > Köln, Düsseldorf, Neuss, Hilden, Kaarst
vom 27. November 2009 |